Liebe alle,
wieder ist einige Zeit vergangen. Glaubt mir jemand, wenn ich sage, dass ich nicht dazu gekommen bin einen Blogpost zu schreiben obwohl derzeit Semesterferien sind? Vermutlich nicht, aber es ist wirklich so. Obwohl wir keinen Unterricht haben, fühle ich mich genug ausgelastet – bzw. lässt mein Kopf mich zumindest so fühlen. Einerseits eine positive Eigenschaft, weil ich mich deswegen in der Regel nicht langweile. Es ist aber auch doof, weil ich nie zu 100% abschalten kann und immer ein bisschen unter Strom stehe.
Ich bin, obwohl ich weder dazu verpflichtet bin noch Mitglied in einem Club bin, jeden Tag auf dem Campus (auch weil ich einen Alltag brauche). Normalerweise gehe ich jeden Tag morgens um 9:00 Uhr ins Fitnessstudio und danach in die Bibliothek bis abends. Zwischendurch gehe ich noch essen in der Cafeteria die glücklicherweise auch in den Ferien mittags offen hat. Wie auch schon China verändert mich Japan sehr. Früher wäre ich bspw. nie ins Fitnessstudio gegangen, geschweige denn fast jeden Tag. Ich denke auch, dass wenn ich wieder zurückkomme, ich nicht mehr gehen werde. Dafür gibt es zwei Gründe: Erstens muss ich hier kein Geld für die Mitgliedschaft bezahlen, da es ein Service der Uni ist. Zweitens fällt es mir leichter Sport in einem Raum mit sehr beschränkter Nutzergruppe zu machen. Diese Nutzergruppe besteht nur aus Angehörigen der Uni und zu vermutlich 90% aus Asiaten. Es mag rassistisch klingen, aber bei dieser ethnischen Gruppe habe ich kein so großes Problem unsportlich zu sein. Viele Asiaten halten westliche Ausländer nämlich sowieso schon für etwas suspekt. Da kommt es also auch nicht drauf an ob sie dazu noch komisch gucken, wenn ich etwas nicht kann. Aber in der Regel guckt gar keiner, weil alle mit ihren eigenen Übungen beschäftigt sind oder auf ihr Handy starren. Ich weiß nicht, ob das in Deutschland auch so ist, aber viele machen auch einfach nur einen sehr langsamen Spaziergang auf dem Laufband oder liegen auf einer Matte oder sitzen auf einem Gerät und spielen mit dem Handy. Aber schön, dass es diese Menschen gibt, denn dann fühlt man sich gleich besser, wenn man tatsächlich etwas macht.

Das größte Problem, dass ich mit dem Fitnessstudio hier habe, sind die Schließfächer. Der Gedanke – der ja auch sehr schön ist – ist vermutlich, dass man kein eigenes Schloss braucht. Stattdessen „funktionieren“ sie mit LED indem sie den Fingerabdruck erkennen sollen. Während ich solche Fingerabdrucktechnologien sowieso nicht so toll finde, funktioniert die ganze Sache auch nur schlecht als recht. Ich muss ungelogen fast jeden Tag zum Personal gehen und sie bitten mein Schließfach aufzuschließen. Ich habe langsam die Vermutung, dass die Schließfächer rassistisch gegenüber weißen Europäern sind oder auch einfach gegen mich, denn bei den anderen scheint es ja die meiste Zeit über zu funktionieren. (Vielleicht bin ich auch einfach zu blöd?!) Ich habe zwar kein Problem damit zu fragen ob jemand mein Schließfach öffnen könnte, aber es ist doch immer eine kleine Stresssituation, wenn keine weibliche Angestellte vor Ort ist. – Warum? Wenn nur Männer dort sind, muss ich immer zuerst in die Umkleide gehen und gucken, dass entweder keiner da ist oder sich zumindest keiner umzieht. Falls jemand in der Umkleide ist, muss ich fragen ob es okay ist, dass ein Mann jetzt kurz reinkommt. Und eine solche Warnung auf Japanisch auszusprechen liegt nicht im Rahmen meiner Sprachfähigkeiten. Bisher hatte ich immer Glück und es war nie jemand da gewesen. Ich konnte also zum Angestellten zurückgehen und ihm grünes Licht geben. Dann blockiert der Herr die Eingangstür zu den Kabinen mit einem Schild, auf dem eine steht, dass sich ein Mann in der Kabine befindet. Erst dann können sie mir das Schließfach öffnen. Da ich danach noch oft duschen gehen möchte, müsste ich das Schließfach eigentlich wieder verschließen. Aber da ich mir nicht zweimal hintereinander die Blöße geben will um Hilfe zu bitten, lass ich es einfach offen. Mittlerweile überlege ich schon das generell zu machen, da in Japan die Kriminalitätsrate so gering ist, dass eh niemand was stiehlt. Andererseits ist in diesem Schließfach mein wichtigster Besitz (Laptop, Handy, Portemonnaie) drin. Also will ich es auch nicht riskieren…

Tut mir leid für diese kleine Tirade bezüglich der Schließfächer im Fitnessstudio. Ich werde versuchen wieder den Faden zu finden, falls es je einen gab. – Nachdem ich also im Fitnessstudio war, gehe ich in die Bibliothek. Dort habe ich die letzten Tage vor allem an der Korrektur von einem Paper über meine Bachelorarbeit gearbeitet. Das hat mir den letzten Nerv geraubt und ich will die Veröffentlichung nun eigentlich gar nicht mehr. Jetzt ist die Korrektur aber rausgeschickt und ich hoffe der Großteil der Arbeit ist geschafft. Nun habe ich endlich mehr Zeit mich Aufgaben von meiner Arbeitsstelle, meiner Hausarbeit und hoffentlich auch dem Wiederholen von Japanisch zu widmen. Letzteres ist in den letzten Wochen leider etwas zu kurz gekommen, aber ich werde versuchen wieder mehr Zeit in die Wiederholung zu stecken.
Vor zweieinhalb Wochen war ich mit Isaac über seinem Geburtstag in Nagoya. Die Toyota-Stadt hat kulturell nicht so viel zu bieten. Dennoch war es ein schöner und entspannter Aufenthalt. Morgens haben wir in unserem Hostel Frühstück gegessen, das unser Gastgeber extra für uns zubereitete (es hatte allerdings auch seinen Preis). Es bestand überwiegend aus Armer Ritter. Es war unheimlich lecker! Ich weiß nicht, ob ich zuvor in meinem Leben schon einmal Armer Ritter gegessen habe, aber so oder so war das die beste Version, die ich je hatte! Nach dem Frühstück haben wir ein bisschen gearbeitet (entweder an meinem Paper oder Japanisch geübt) und danach sind wir uns Sachen angucken gefahren. An seinem Geburtstag wollte Isaac gerne ins Aquarium gehen. Ich war nicht der größte Fan dieser Idee, da sie auch Delphin- und Walshows anbieten. Nein sagen konnte ich aber nicht. Wir haben uns jede Show angeguckt. Ich habe mich zwar sehr schlecht gefühlt, aber es war schon beeindruckend! Am schönsten war die Show bei der ein Fischschwarm gefüttert wurde. Klingt nicht unbedingt sonderlich spektakulär, aber sie haben besagten Fischschwarm zusätzlich mit farbigem Licht angeleuchtet und dramatische Musik abgespielt. Es war wirklich sehr schön. Zudem – wo wir schon beim Thema „über mich hinauswachsen“ waren – habe ich eine Seeschnecke gefüttert. Ich finde Schnecken absolut ekelhaft. Besonders wenn sie sich im Wasser befinden! Aber der alte Mann, der das Anfassbecken betreute, war so nett und hat sich über meine kläglichen Versuche Japanisch zu reden gefreut. Da konnte ich einfach nicht nein sagen. Außerdem haben Isaac und ich viel Geld in einer Spielhalle gelassen. Muss auch mal sein. In dieser haben wir auch Purikura ausprobiert. Purikura sind Fotomaschinen, die absolut furchtbare Fotos machen! Sie lassen einen „süßer“ aussehen. Das heißt die Augen werden unnatürlich vergrößert und die Haut wird makellos dargestellt. Zusätzlich kann man die Fotos noch mit Stickern und Schriftzügen dekorieren. Es sieht wirklich schlimm aus, aber stand auf der Liste der Sachen, die man mal in Japan gemacht haben muss.

Armer Ritter 
Unser Hostel lag in einer etwas zwielichtigen Gegend, aber ansonsten war es gut! 
In der Spielehalle 01 
In der Spielehalle 02 
Zu meiner Schande hat Isaac bei Mario Kart gewonnen 
Ein hochauflösendes Bild der gemeingefährlichen Seeschnecke 
Purikura
Am Abend haben Isaac und ich meistens nur einen Film geguckt. Wirklich sehr entspannt und stressfrei also.

Ein Schrein mit ganz vielen Hasen 
Passend dazu bekommen sie eine Mohrrübe geopfert 
Die ersten Kirsch(?)-Blüten 
Das Schloss Nagoya 

Am Hafen 








Der Fischschwarm
Vorletzte Woche hatte ich eine weitere kleine Pause vom Arbeiten, da meine Eltern zu Besuch waren. Es war sehr schön sie wiederzusehen. Zusammen sind wir sehr viel gereist: Ihre ersten Tage haben wir in Kyoto verbracht. Danach sind nach Hiroshima, von Hiroshima nach Tokyo und von Tokyo nach Osaka mit dem Shinkansen (den Hochgeschwindigkeitszug) gefahren. Wir haben viel gesehen. Besonders Hiroshima war für mich interessant, da dies die einzige der vier Städte war, in der ich noch nicht war. Obwohl die Geschichte der Stadt etwas bedrückend ist, ist es ein sehr schöner Ort. Gefühlt viel offener und weiter als Kyoto. Besonders schön ist die Insel Miyajima. Dort rennen, wie in Nara, Rehe herum und man hat eine Mischung aus Strand und Bergen. Die größte Sehenswürdigkeit, die die Insel zu bieten hat, ist der Itsukushima-Schrein. Seit 1996 ein Weltkulturerbe. Dieser Schrein ist quasi ins Wasser gebaut, auch wenn keins da war als wir dort ankamen (Ebbe). Aber es war schön eine Mini-Mini-Wattwanderung zu machen. Theoretisch hätte man sogar zum Torii (ein Tor, dass den Übergang zu heiligem Boden bzw. Bereich symbolisiert) vor dem Schrein gehen können, welches sonst auch im Wasser steht. Leider wird diese große Sehenswürdigkeit gerade gebaut und somit war der Blick wenig spektakulär. So oder so aber eine sehr empfehlenswerte Insel!








Vorstellung und Realität… 


In Tokyo haben mir meine Eltern einen Tag lang nicht erlaubt das Bett zu verlassen, da ich mich erneut etwas erkältet hatte. Auch kein Wunder, denn in Japan wird nicht geheizt. Die einzige Möglichkeit die Wohnungen warm zu kriegen ist mit den Klimaanlagen (Umwelt lässt grüßen). Sobald diese aus sind, werden die Räume aber wieder instant kalt. Zudem gibt es in Bad und Flur keine Klimaanlage, weshalb es dort klirrend kalt ist. Wir haben viel gefroren obwohl der Winter dieses Jahr sehr mild ist. In unserem Fall kann man nur sagen: Gott sei Dank! Trotzdem habe ich mir aber einen Husten zugezogen gehabt. Um die Japaner nicht zu beunruhigen (besonders auch wegen Corona), habe ich in der Öffentlichkeit eine Maske getragen. Ich bin generell gegen diese Teile. Sie bringen überhaupt nichts, man kann nur schlecht atmen und es ist für viele auch nur eine Möglichkeit sich zu verstecken. Aber ich wollte auch keine Panik im Shinkansen auslösen. Jetzt muss ich sie Gott sei Dank nicht mehr tragen.

Nicht glücklich 
Ich war bereit eine Bank auszurauben
Es war lustig zu sehen, was meine Eltern in Japan als besonders aufgefallen ist. Es hat mich an meine ersten Wochen hier erinnert, wo ich viele ihrer Gedanken auch hatte (z. B. „Warum kriegt man den Reis extra zum Essen?“, „So viel Müll!“ und „Tolle Toiletten!“). Aber man gewöhnt sich an alles und so auch an japanische Gepflogenheiten.

Kyoto 
Kyoto 
Hiroshima 
Atombombenkuppel in Hiroshima 
Friedenspark in Hiroshima 
Tokyo 
Osaka 
Noch mehr Blüten in Osaka
Jetzt sind beide wieder in Deutschland und ich zurück in Kyoto. Derzeit mal wieder nicht viel und viele im Wohnheim langweilen sich. Da bin ich dann doch froh, dass ich etwas zu tun habe. Auch wenn ich gerne wieder etwas kreativer werden würde. Zum Beispiel einen Text schreiben, wie ich es als Teenager gerne gemacht habe. Momentan mache ich aber fast nichts anderes als Texte schreiben. Allerdings für die Uni oder beruflich und dann hat kann man abends einfach keinen Text mehr sehen. Falls ich es aber schaffe meine Hausarbeit (vermutlich zum Thema „Wie funktioniert die Google-Suche in Japan/auf Japanisch?“) früh fertig zu kriegen, kann ich mich diesem Projekt ja vielleicht am Ende der Semesterferien zuwenden.

Tonkatsu 
Die Reinigungskräfte warten auf den Shinkansen 
Ich habe meinen Eltern nur die beste japanische Küche gezeigt 
Okonomiyaki (Hiroshima-Style)
Ich halte euch auf dem Laufendem! Bleibt gesund.
Alles Liebe,
Jule
P. S.: Meine Eltern haben mir von sehr vielen Leuten Grüße ausgerichtet. Das hat mich sehr gefreut! Ich grüße hiermit alle zurück und Danke euch dafür, dass ihr an mich denkt.
Liebe Jule, mit grosser Freude habe ich wieder Deinen so umfangreichen Beitrag gelesen. Wie schön, dass Du die Zeit für uns aufbringst. Ich sage ganz herzlich danke und wünsche Dir, dass es in Japan langsam wärmer wird, viel wärmer. Liebe Grüsse von Helga aus Karow
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