Liebe alle,
eine weitere Woche ist vergangen und in dieser Woche habe ich mich endlich etwas mehr auf dem Campus aufgehalten. Denn in den letzten sieben Tagen haben die Orientierungskurse angefangen. Auf dem Programm standen die Verteilung unserer Studierendenausweise; Vorstellung von verschiedenen Stellen der Uni, wie das Internationale Büro, das Medizinische Center, die Bibliothek, eine Stelle für internationalen Austausch usw. Wir haben so viele Zettel bekommen, dass ich aufgehört habe zu zählen. Ich muss aber sagen – jetzt wo ich mich mehr an der Ritsumeikan University aufgehalten habe: Ich liebe diesen Campus! Von den Gebäuden her ist er eher unscheinbar und nichts Besonderes. Ich werde mal bei Gelegenheit ein paar Bilder knipsen. Wer es aber nicht erwarten kann, kann es aber auch einfach googlen. Wenn man das tut, dann wird einem vor allem ein großer Uhrenturm angezeigt. Unter diesem Turm befindet sich eine von wohl vier (!) Kantinen. Da grade noch Semesterferien sind, ist das die einzige die geöffnet hat. Allein dort gibt es für einen schmalen Taler schon mehr Auswahl an frisch gekochten und leckeren Gerichten als in den Mensas des Studierendenwerks in Berlin. Allerdings haben sie es bisher auch noch nicht geändert. Aber ich glaube, wenn man jedes Mal ein neues Gericht ausprobieren würde, würde man schon drei Wochen durchkommen (wenn man denn Fleisch und Fisch isst). Wenn alles nichts hilft wird gibt es aber ja bald noch drei weitere Kantinen. Bei einem Blick auf die Webseite der Universität zudem noch zwei Cafés, zwei Convenience Stores (ein kleiner Laden der fast alles hat, was das Herz begehrt) wo man auch Bento-Boxen (die japanische Art der Brotbüchse mit Reis und verschiedenem Gemüse, Fleisch oder Fisch) kaufen kann. Und wenn dann am 26.09. endlich der Unterricht beginnt, bietet die Uni auch noch Frühstück für 100 Yen (83 Cent) an. Ich glaube, ich werde ab dann in Japan nie wieder wirklich kochen. Unglaublich, dass das alles auf einen, von insgesamt vier Campussen, passt. Und das obwohl er nicht sonderlich groß ist. Ich würde behaupten ungefähr genauso groß wie der Campus in Adlershof.


Besagter Uhrenturm
Abgesehen von den Mensen bin ich auch begeistert davon, dass wir ein eigenes medizinisches Zentrum haben, zu dem wir gehen können und wo die Ärzte auch tatsächlich Englisch sprechen. Das ist nämlich, wie berichtet, keine Selbstverständlichkeit. Ich wünschte sowas hätten wir auch an der HU. Allerdings muss man auch bedenken, dass die Ritsumeikan eine private Uni ist. Ich weiß nicht ob andere Universitäten in Japan auch Ärzte vor Ort haben.
Schließlich ist noch die Bibliothek besonders hervorzuheben. Sie ist ziemlich neu und hübsch, man kann einfach mit Rucksack reingehen und solange die Flasche einen Deckel hat, kann man wohl trinken was man will. Sie haben, soweit ich mich erinnern kann, über 50 verschiedene Stühle und verschiedene Lernumgebungen. Man kann sich Laptops ausleihen und mit den Büchern, die man ausleihen will, einfach durch ein besonderes Tor gehen und sie werden automatisch auf das eigene Konto ausgeliehen. Ich bin zwar kein Bibliothekslerner, aber vielleicht verschlägt es mich ja doch mal dahin.

Der Eingangsbereich 

Hier hat man die Möglichkeit u. a. CNN zu schauen.
Mit den Orientierungstagen, kamen aber auch Aufgaben auf uns zu, um die sich gekümmert werden muss. Dazu gehörten Meldung bei den Behörden als Einwohner Kyōtos, Anmeldung beim Rentensystem, Eröffnung eines Bankkontos, Erwerb einer Co-Op-Card für den Campus, Abschließen einer Krankenversicherung, Abschließen einer Versicherung für Studierende, Abschließen einer Brandversicherung. Das waren die verpflichtenden Dinge. Von den meisten Sachen müssen wir zusätzlich noch Nachweise einreichen. Zusätzlich haben sie uns noch empfohlen andere Versicherung abzuschließen, aber da habe ich schon gar nicht mehr zugehört. Ich dachte immer die Deutschen liebten fanatisch ihre Versicherungen, aber wir sind anscheinend nicht die einzigen… Es ist nur nervig, dass die Anträge alle auf Japanisch sind und man jetzt noch viel extra zahlen muss und später daran denken muss alle Karten wieder abzugeben und die Verträge aufzulösen. Aber immerhin gibt es zu allem eine Anleitung unter Aufsicht von Japanisch-sprechenden Menschen, die einem helfen und am Ende des Semesters wird es auch Prä-Ausreise-Kurse geben, wo sie einem nochmal erklären werden, was man alles beachten muss.

Mein neues Banbuch. Für den dritten Vornamen hat’s per Maschine nicht mehr gereicht, aber es mussten ja alle Vorname drauf. Danke, Mama und Papa… Auch mit dem ö in Köhler gab es Probleme. Ich habe versucht zu erklären, dass oe die richtige Umschreibung ist. Der Bankangestellte nickte und streichte alles mit oe durch, so dass ich es mit o ersetzen kann. Na gut, dann eben Kohler… Immerhin durfte ich mir Design des Buchs und PIN aussuchen.
Ansonsten gab es noch ein paar Kurse zum Verhalten beim Fahrradfahren, Sicherheit auf dem Campus und in der Stadt und Verhalten im Katastrophenfall (inklusive Übung bei der alle sich so schnell wie möglich unterm Tisch verkriechen mussten). Schließlich haben wir auch endlich unseren langersehnten Stundenplan erhalten. Ich bin sehr glücklich mit meinem denn ich hatte schon Angst, dass ich Unterricht in der 5. (16:20 bis 17:50 Uhr), 6. (18:00 bis 19:30 Uhr) oder 7. (19:40 bis 21:10 Uhr) Period haben werde. Mein Unterricht findet aber nur bis maximal 14:30 Uhr statt. Ich bin sozusagen oberglücklich. Ich werde 8*90 Minuten Japanisch in der Woche haben. Dazu gehören 1*90 Minuten Schreiben, 5*90 Minuten Verständnis und 2*90 Minuten Hören und Sprechen. Man darf gespannt sein. Wenn ich will, kann ich auch Kurse in Englisch belegen. Einerseits bin ich sehr versucht das zu machen. Einfach aus Lerninteresse. Andererseits habe ich mit dem Japanisch schon genauso viel Uni wie letztes Semester, wo ich die meisten Module seit Anfang meines Studiums hatte. Allerdings müssen viele der anderen Austauschstudierenden mehr machen und es scheint machbar zu sein. Ich möchte es aber auch nicht gleich wieder übertreiben. Wäre ich in Deutschland würde ich mich einfach anmelden und wenn ich es zeitlich nicht mehr schaffe oder das Interesse verliere, nicht mehr hingehen. Wenn man sich hier jedoch für einen Kurs angemeldet hat, und innerhalb einer bestimmten Frist nicht mehr abmeldet, muss man dabei bleiben. Ich bin mir nicht sicher was genau das heißt, aber ich nehme an, man muss dann die Prüfung schreiben? Ich weiß es nicht sicher, aber riskieren will ich es auch nicht unbedingt. Es gibt zudem auch die Möglichkeit einem von über 450 Clubs beizutreten. Ich schätze etwa über 150 davon akzeptieren Ausländer als Mitglieder. Man muss verstehen, dass die Japaner ihre Clubaktivitäten viel ernster nehmen als in Deutschland. Deswegen bin ich auch hier etwas vorsichtig. Wenn man sich einmal verpflichtet, wird in der Regel eine aktive Teilnahme erwartet und diese Teilnahme kostet einem meist mehrere Stunden die Woche. Der ‚Ritsumeikan Musical Circle‘ trifft sich zum Beispiel Montags und Donnerstags 18:00 bis 21:00 Uhr und Samstags 10:00 bis 16:00 Uhr. Auch damit werde ich mich noch einmal tiefergehend beschäftigen. Ich überlege einem Sightseeing-Club beizutreten, denn diese werben damit, dass man nicht immer kommen muss und es eher locker zugeht und man somit auch noch Zeit für einen anderen Club hat. Klingt gut und Sightseeing sowieso.
Weiterhin habe ich diese Woche mehr Informationen zu meinem Stipendium bekommen, dass sich JASSO nennt. Ich wusste bis dato nicht wie viel Geld ich eigentlich erhalten werde und habe nach einer halbherzigen Google-Recherche nur mit etwa 200€ gerechnet. Ich bekomme stattdessen aber mehr als 650€! Damit sind mindestens die Miete und die Verpflegung schon mal gedeckelt. Vielleicht mache ich ja doch nicht so viel Minus wie ich dachte. Total toll und ich muss fast nichts machen, außer am Anfang und am Ende eine Umfrage ausfüllen und jeden Monat zweimal zum Internationalen Büro gehen und unterschreiben, dass die Zahlung eingegangen ist und ich weiterhin vor Ort bin.
Außerdem war ich letzten Sonntag noch bei einem englischen katholischen Gottesdienst, den ich etwas befremdlich fand, aber nicht so befremdlich, dass ich es in schlechter Erinnerung behalte. Eben was anderes. Danach bin ich mit dem, der mich dahin mitgenommen hat, noch durch einen Markt oder eher eine Shopping Meile gelaufen. Dort gab es, ohne Ende kleine Maschinen, wo man ein paar 100-Yen-Münzen reinsteckt und dann eine von den verschiedenen aufgedruckten Figuren, Spielzeugen und Anhängern bekommt. Weil ich es mal ausprobieren wollte und einen Schlüsselanhänger brauchte, habe ich es auch mal probiert und oh man – das Zeug macht süchtig! Eigentlich ist alles was man kriegen kann purer Kitsch und Gimmick. Aber dieser kleine Nervenkitzel, den man hat, wenn man die Münze einwirft, das Rad dreht und hofft, dass man das bekommt was man sich wünscht… Das hat schon was. Ich glaube so würde ich mir die Teile, die man bekommen kann nie kaufen. Jetzt bin ich aber (weniger) stolze Besitzerin eines Detektiv-Conan-Schlüsselanhängers (von einer Figur, die ich nicht mal kenne), zwei Super-Mario-Schlüsselanhängern und einer Dragonball-Z-Trunks-Figur. Letzteres war sozusagen der Höhepunkt meiner Glücksspielkarriere, da ich auf Anhieb die Figur bekommen habe, die ich wollte. Nun weiß ich aber leider nicht was ich damit machen soll. Ich habe sie vorerst als Beschützer vor meinen nagelneuen Wasserkocher gestellt. Ja, es gibt einen Wasserkocher in der Küche. Brauchte ich wirklich einen auch in meinem Zimmer? Vielleicht nicht, aber es geht eben so viel schneller und ich brauchte so oder so ein größeres Gefäß für meinen Tee als die Osaka-Weihnachtsmarkt-Tasse mit Deutschlandflagge, die ich umsonst von einem Vormieter bekommen habe. Da die Kannen, die mehr Tee als eine Tasse beinhalten können, jedoch genauso teuer waren wie mein neuer Wasserkocher, entschied ich mich dazu, stattdessen diesen zu kaufen und später als Behältnis zu missbrauchen. Irgendwie stehen die Japaner auf unpraktische, aber niedliche und extrem kleine Teekannen. Außerdem sind sie mit der Technologie mal wieder weiter als wir, denn die Wasserkocher hier scheinen, bis aufs Ende, fast kein Geräusch zu machen. Ist aber auch ein bisschen doof, denn dadurch merkt man manchmal erst zehn Minuten später, dass der Stecker nicht eingesteckt war…

Kirche von innen 
Kirche von außen 
Ein Manga- und Anime-Laden 
Besagte Glücksmaschinen. Das waren bei weitem nicht alle… 
… Ich habe ein Video von allein einem Laden gemacht. Leider unterstützt WordPress keine Videos. 
Selbst Mini-Bosch-Spielzeug konnte man gewinnen 
Super-Mario-Schlüsselanhänger 01 
Super-Mario-Schlüsselanhänger 02 
Detektiv-Conan-Anhänger 
Mein neuer Wasserkocher, Osaka-Weihnachtsmarkt-Tasse mit „Hamburg“-Schriftzug und links meine neue Trunks-Figur
Eigentlich habe ich noch eine lange Liste an Sachen, die etwas anders ist als Zuhause. Jetzt habe ich aber schon fast drei Seiten gefüllt. Deswegen werde ich den Bericht jetzt mit einem letzten Ereignis der vergangenen Woche abschließen und den Rest zu einem späteren Zeitpunkt anbringen: Gestern sind zwei Amerikaner, eine andere Deutsche und ich noch Tonkatsu (japanisches Schnitzel) essen gegangen. Anscheinend hat die eine Amerikanerin aber eine zu enge Kehle oder so ähnlich und so blieb ihr etwas im Hals stecken. Sie verbrachte daraufhin viel Zeit auf der Toilette, verbunden mit lauten Würgegeräuschen (da die Wände nicht sehr dick waren), und versuchte den Reis wieder raus zu kriegen. Die Restaurantbesitzerin wartete eine ganze Weile vor der Toilette und als die Amerikanerin wieder aus der Toilette kam, reichte die Besitzerin ihr Wasser und Taschentücher und sah ganz besorgt aus. Da der andere Amerikaner ein bisschen Japanisch spricht, teilte er ihr dann mit, dass es nicht an ihrem Essen lag, sondern sie sich nur verschluckt hatte. Wir alle stimmten ein mit „Oshii desu!!!“ („Lecker!!!“) und das war es wirklich. Daraufhin erhellte sich ihr Gesicht und sie war ganz erleichtert. Zum Nachtisch reichte sie uns noch gratis Eis (mit Bohnen) und als wir zahlen wollten haben wir alle noch Süßigkeiten mit Halloween-Deko mit den Worten „Happy Halloween!“ bekommen. Mit vielen Danke verabschiedeten wir uns und als wir gingen sagte die Besitzerin noch auf dem bisschen Englisch, dass sie sprach: „Please come back. I will be waiting“ (Kommt bitte wieder. Ich werden warten). Wir alle waren hin und weg und es wird bestimmt nicht das letzte Mal gewesen sein. Nächstes Mal versuche ich aber doch nochmal etwas Vegetarisches auf der Karte zu finden.
Ich hoffe dieser Bericht hat Euch von der Länge her nicht umgehauen. Nächstes Mal würde ich gerne ein bisschen etwas über Baustellen und Mülltrennung und noch einige andere Dinge berichten. Zumindest ich freue mich schon. 😀
Also dann bis zum nächsten Mal! Viele Grüße,
Jule
