Liebe Leute,
ich habe es geschafft. Ich bin heil in Kyōto angekommen. Anfangs sah das nämlich gar nicht gut aus. Erst wurde mein letzter von drei Flügen gecancelt, ohne dass mir Bescheid gegeben wurden. Nach zwei Anrufen habe ich dann aber noch einen Ersatzflug fünf Tage vor Abflug zugesagt bekommen. Als ich dann am Tegeler Flughafen einchecken wollte, konnten sie mich jedoch nicht für den Flug von Shanghai nach Osaka einchecken. Da ich aber kein Visum für China hatte, konnte ich (angeblich) den Transitbereich auch nicht verlassen um vor Ort einzuchecken. Unter dieser Voraussetzung wollten sie mich erst nicht fliegen lassen. Nach einigen Telefonaten der Dame am Schalter ließen sie mich dann aber doch durch mit der Anweisung unbedingt in Helsinki den Transitbereich zu verlassen und dort für den letzten Flug einzuchecken, da das System in Tegel wohl keinen Zugriff auf die Flüge der Airline hatte. Das kam mir zwar komisch vor, da ich bei meinem zweiten Flug dieselbe Airline hatte und dort war das Einchecken kein Problem, aber ich wollte nicht widersprechen.
Ich nahm also was ich kriegen konnte und verlies in Helsinki den Transitbereich. Die nette chinesische Dame vom Schalter der Airline teilte mir jedoch mit, dass sie mich auch nicht einchecken kann. Das war jedoch ganz normal, denn Shanghai wollten sie die Ausländer sozusagen ein weiteres Mal kontrollieren und deswegen kann man nur vor Ort einchecken. Zu diesem Zweck darf man sich 144 Stunden in Shanghai und Umgebung ohne Visum aufhalten. Es hatte also wirklich nichts mit dem System in Tegel zu tun. Ich bedankte mich auf Chinesisch (was sie sehr freute) und machte mich wieder auf den Weg. Der Flughafen in Helsinki ist übrigens super. Total leer und keine Schlangen.
Vor mir lag ein neun-Stunden-Flug. Wie für Langstreckenflüge üblich war es ein großes Flugzeug mit drei Reihen von Sitzplätzen und drei hintereinander folgenden Gängen. Fast alle Plätze waren leer. Einerseits machte mich das etwas traurig, da so die Umweltbelastung noch unnötiger war, aber andererseits war es so leer, dass fast jeder sich eine eigene Reihe schnappte und sich so über drei Plätze hinweg legen konnte. Leider konnte ich trotzdem nicht wirklich schlafen, auch wenn ich es mehrmals probierte. Dafür war das Essen ganz gut. Als mir die Stewardessen je das Menü ankündigten klang das jedoch sehr nach auswendig gelernten Schulvokabular. Generell konnte weder das Flugpersonal noch die Menschen in Shanghai wirklich Englisch. Erstaunlich. (In Japan ist es übrigens nur minimal besser und auch hier haben sie ab und an Aufschriften auf Englisch, die absolut keinen Sinn ergeben. An einer Bäckerei direkt um die Ecke des Studierendenwohnheims steht bspw. in der Fensterscheibe ‚Morning in Bread‘ ([Der] Morgen in Brot).)

In Shanghai wurden alle Passagiere, die nach Japan wollten von einem Herrn mit Schild in Empfang genommen. Dieser leitete uns dann durch sämtliche Kontrollen und zum Check-In. Man fühlte sich einerseits wie ein VIP, aber andererseits auch wie ein Kleinkind. Es war allerdings gut jemanden zu haben der wusste was zu tun war und wo lang man gehen musste. Im Prinzip musste man nicht weiter nachdenken.
Danach folgte nur noch der Flug nach Osaka und dann war ich endlich da. Mit das erste was ich am Flughafen beobachten konnte war eine Klopperei zwischen zwei Chinesen und ihre Freunden, die versuchten die beiden auseinander zu halten. Die Japaner beobachteten das nur kopfschüttelnd und schlugen andere Wege ein. Da stießen zwei Welten aufeinander.
Nach insgesamt 13 ½ Stunden Flug und sechs Stunden Umsteigezeit musste ich nun noch einen Shuttle zum Studierendenwohnheim in Kyoto nehmen, den ich zuvor gebucht hatte. Das brauchte noch einmal etwa eineinhalb Stunden. Dann war ich endlich am Ziel. Dort wurde mir mein Zimmer gezeigt, man hat ein paar Menschen kennengelernt und dann war ich erstmal einkaufen und schließlich noch mit ein paar anderen Sushi essen. Am Ende des Tages war ich fast 35 Stunden wach gewesen, aber erstaunlicherweise nicht übermäßig müde.
Mein Zimmer ist eigentlich sehr schön. Als Ausblick habe ich die Berge und eine „Kirche“ direkt vor der Tür. Jeder hat ein eigenes Zimmer mit Klimaanlage (leider nötig) und Waschbecken. Man teilt sich, nach Geschlechtern getrennt, die Duschen und die Toiletten. Die Toiletten sind natürlich typisch japanisch. Das heißt im Winter ist die Brille beheizt und ansonsten kann man den Hintern mit einem lauwarmen Wasserstrahl säubern und das Geräusch einer Spülung nachahmen lassen. Letzteres ist sehr beliebt in Japan, da die Japanerinnen es überhaupt nicht mögen, wenn sie Geräusche auf der Toilette machen. Früher haben sie deswegen immer die Spülung benutzt um Krach zu machen. Dies führte jedoch zu einem hohen Wasserverbrauch und man ist dazu übergegangen lieber eine Aufnahme dieses Geräusches (oder aber auch Musik) abzuspielen. Es ist jedoch so schlecht gemacht, dass es total unecht und blechernd klingt. Ich weiß nicht ob es schließlich uneindeutiger ist was man so auf der Schüssel treibt…

Japanische Toilette 
Der Ausblick aus meinem Zimmer
Mittlerweile bin ich jetzt schon vier Tage hier. Meine ersten Eindrücke sind: Es ist anders als China, sehr heiß mit hoher Luftfeuchtigkeit, Linksverkehr, viele kleine Gassen und Lebensmittel sind teuer. Tatsächlich tendieren die meisten schon dazu eher im Restaurant oder Imbiss essen zu gehen, da dies unter Umständen günstiger sein könnte. Mit dem Einkaufen ist es aber ohnehin so eine Sache, da man oft keine Ahnung hat was das für exotische Sachen sind, die man kaufen kann und noch dazu auch nicht die Beschreibung lesen kann. Ich als Vegetarier ohne Japanisch-Kenntnisse hatte schon von Anfang an keine Chance. Ich esse also zunächst doch wieder Fleisch und Fisch, aber sobald ich etwas mehr lesen kann und mich besser eingelebt habe versuche ich die vegetarischen Optionen zu finden. Diese scheinen aber nur beschränkt zu existieren, denn überall ist Fisch, Fischbrühe oder eben Fleisch drin. Vegetarische Gerichte die angeboten werden habe ich bisher kaum in einem Restaurant gesehen. Ei ist auch sehr beliebt. Vielleicht findet man ein vegetarisches Gericht dass nur Ei enthält. Also gut, dass ich bisher nicht zum Veganismus gewechselt habe, denn dann hätte ich ein noch schlechteres Gewissen.
Abgesehen von Lebensmitteln muss ich aber unbedingt noch ein neues Kissen kaufen, denn das was wir bekommen haben ist mit Körnern gefüllt und zum schlafen sehr unbequem. Vielleicht ist es heute soweit, denn später möchte ich mit anderen in einen 100 Yen (84 Cent) Shop und einen billigeren Supermarkt gehen [Update: Habe ein Kissen!]. Ansonsten habe ich mir schon die Uni, den Goldenen Pavillon und zwei Tempel angeguckt.
Wie zu erwarten war, bin ich nicht unbedingt für ein Studierendenwohnheim geschaffen, da ich nicht darauf aus bin mich jeden Abend (oder generell) zu betrinken. Die Leute hier sind allgemein sehr nett, aber bisher habe ich noch niemanden getroffen mit dem ich wirklich auf einer Wellenlänge bin. Solange ich aber ab und was mit Leuten draußen was mache oder mich in der Küche unterhalte ist das schon okay, denke ich. Ist ja nur für ein halbes Jahr und zudem werden wir später in der Uni noch mehr Leute treffen. Leider beginnt der Unterricht erst ende des Monats. Ab und an haben wir Einführungsveranstaltungen und sonst viel Freizeit. Das ist zwar schön um sich Sachen anzugucken, allerdings würde ich einen geregelten Alltag bevorzugen und freue mich deswegen schon auf den Japanisch-Unterricht.
So. Eigentlich nicht viel zu sagen gehabt und wieder eine ganze Menge geschrieben. Falls ihr Fragen habt, könnt ihr gerne einen Kommentar schreiben. Ansonsten bis bald.
Liebe Grüße,
Jule

Auf dem Weg zur Uni.. 
Blick von der Dachterasse des Studierendenwohnheims 01 
Blick von der Dachterasse des Studierendenwohnheims 02 
Typische Gasse in Kyōto 
Ich dachte es sind Oliven, aber es waren süße schwarze Bohnen…


